Der blinde Architekt

Der Wandel zu intuitiver Architektur

Der Titel klingt wie ein Widerspruch in sich. Architektur, die sich durch Formschönheit und visuelles Design zu definieren scheint, wird von jemandem gestaltet, der ohne Sehkraft ist.

Was unmöglich klingt, ist Berufsalltag für den blinden Architekten Chris Downey.

Der Architekt verlor aufgrund eines Gehirntumors bei einer Notoperation über Nacht sein Augenlicht. Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken arbeitete er unerschrocken weiter. Vielmehr beflügelte ihn die Herausforderung und er kehrte nur sechs Monate nach seiner Operation zurück an den Arbeitsplatz. Über sich selbst urteilt er heute, er sei ein besserer Architekt als zuvor.

Eine Erfahrung war für den Anbruch eines neuen Stils in seiner Architektur besonders entscheidend, erzählt Chris Downey beim Christie‘s Meeting in Palm Beach, Florida, wo das Team von Stiller & Hohla ihn Anfang des Jahres kennenlernen durfte. Als Eingewöhnung begann er nach seiner Operation dieselben Wege zu gehen, dieselben Bars und Kaffeehäuser zu besuchen, die er auch als Sehender häufig besucht hatte. Aber er stellte fest, dass die Eindrücke dabei vollkommen neue waren. Wege, die er gut kannte, die ihm früher keinerlei Probleme bereiteten, gestalteten sich nun als wahre Hürdenläufe. Er hatte keine Anhaltspunkte, die ihm ermöglichten sich zu orientieren. Und so begann sein Umdenken. Die Herausforderung an die Architektur sollte nicht nur sein sich schön oder praktisch zu zeigen. Architektur muss es ebenso schaffen, sich nutzerunabhängig intuitiv in Situationen zurechtfinden zu können.

Die Veränderung begann zunächst im Kleinen. Während Architekten üblicherweise mit digitalen Programmen oder klassisch mit Bleistift und Zeichenpapier arbeiten, stellte Downey seine Planung auf Wachs um. Die Wachsknete ermöglichte ihm durch ihre Haptik und Formbarkeit Gebäude zu planen und Downey realisierte schnell, dass gerade die Berührung und das greifbare Gefühl eines Raumes, einer Oberfläche, wegweisend für seinen neuen Stil sein sollten.

Chris Downey bemerkte, dass alleine die Struktur von Böden oder durchgängige Handläufe das Erlebnis für Sehbehinderte deutlich verbesserten. Auch einfache Details wie Treppenkanten oder ein gleichmäßiges Lichtdesign erleichtern das Zurechtfinden erheblich.

Mit seiner Zugangsweise manifestierte er sich als Teil eines architektonischen Wandels, in dem Barrierefreiheit nicht mehr mit funktionellen Hilfsmitteln in Verbindung gebracht wird, sondern vielmehr ein wesentlicher Bestandteil eines ansprechenden und modernen Designs ist.

Elemente von barrierefreier Gestaltung finden wir mittlerweile überall in der Architektur und im Innendesign – und nicht nur dort, wo man sie sichtbar braucht. Beispiele reichen von breiteren Türen bis hin zu großzügigen Duschen ohne Schwelle. Viele dieser modernen Strukturen verstehen wir als zeitgemäßes Interieur, abseits eines primär behindertengerechten Bildes. Und so ganz nebenbei verbessert diese architektonische Idee den Alltag einer Vielzahl von Menschen.

Vor allem die Besucher von Gebäuden, die für viele Menschen zugänglich sind, profitieren von der neuen Denkweise. Gebäude werden schon in der Planungsphase so konzipiert, dass sich der Nutzer vom Betreten des Raumes an selbstständig zurechtfinden kann. Kontrastreiche und sensorische Informationsleitsysteme wie Farb– und Stoffbeschilderungen oder taktile Bodenmarkierungen, die unter anderem Sehbehinderten, Demenzkranken oder von Leseschwächen betroffenen Personen helfen, können die intuitive Interaktion mit dem Gebäude unterstützen. Etwaige Zugangssysteme werden auf rollstuhlfreundlichen Höhen angebracht. Die Gänge sind breiter, Türen werden möglicherweise als Schiebetüren ausgeführt.

Die Idee von interkommunikativer Architektur ist aber nicht neu. Schon in den 1980er Jahren erschuf der amerikanische Architekt Roland L. Mace das ʹUniversal Designʹ, an welchem sich noch heute viele Ansätze von barrierefreier Gestaltung orientieren. Es geht davon aus, dass ein Gebäude oder Produktdesign so gestaltet sein muss, dass es für möglichst viele unterschiedliche Nutzer funktional oder flexibel genug ist, sich rasch an seinen Nutzer anzupassen. Ein Gedanke, den wir unter anderem auch schon vom Wiener Architekten Otto Wagner kennen, der sich im Jugendstil einem ähnlich funktionellen Prinzip verpflichtet sah – das Aussehen folgt der Funktion.

Mace griff, wie später Downey, die Interaktion unterschiedlicher Sinne auf und beschränkt sich nicht auf eine rein visuelle Ansprache. Auch die Zugänglichkeit und Erreichbarkeit von Raum ist in seinem Konzept ein Teil des Ganzen.

Ob im großen oder kleinen Stil, der neue architektonische Blickwinkel hat längst Einzug gehalten in die Gebäude, die rund um uns errichtet werden. Barrierefreiheit ist nicht nur ein Thema von Menschen mit Beeinträchtigungen, es ist ein Vorteil und Weitblick für Menschen aller Altersgruppen.

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