Vertical Gardening- wie man der Natur Raum zurückgibt

Das sogenannte Vertical Gardening ist eine Bewegung, die sich auch in Österreich einer immer größeren Beliebtheit erfreut und es ermöglicht, ein kleines Stück Natur in den Großstadtdschungel einziehen zu lassen. Doch was kann man sich darunter überhaupt vorstellen und wo liegt ihr Ursprung?

Vertical Gardening ermöglicht Gartengestaltung und Begrünung auch dort, wo es die Natur nicht vorgesehen hätte und steht als Begriff generell für alles, was vertikal bepflanzt ist. Es geht weit über den klassischen Gebäudebewuchs mit Efeu oder Spalierobst hinaus und birgt ungeahnt viele Möglichkeiten, den grünen Daumen auch auf kleinen Raum auszuleben.
Das Konzept ist im Wesentlichen auf den Tropenbotaniker Patric Blanc zurückzuführen, der durch seine weltweiten eindrucksvollen Projekte sich und vor allem das Konzept des vertikalen Gartens zu großer Bekanntheit gebracht hat. Der Ausgangspunkt seiner Arbeit war die Erforschung stark bewachsener, feuchter Steilhänge, die es ihm bei seinen künstlerisch anmutenden Projekten ermöglichte, die Natur zu imitieren.

Architekten und Bauherren weltweit knüpften und knüpfen an diese Idee an und lassen kleinere und größere Prestigeobjekte entstehen, die sich mit den living walls schmücken. In Wien wird bis 2021 ein innovatives Einrichtungshaus am Westbahnhof entstehen, das neben einer allgemein zugänglichen Dachterrasse und zahlreichen lichtdurchfluteten Bereichen für Besucher auch das Vertical Gardening in seiner Außengestaltung aufgreift. Ein weiteres Beispiel dafür ist der Gebäudekomplex „Bosco Verticale“, der 2014 in Mailand fertiggestellt wurde und aus zwei begrünten Zwillingstürmen besteht, die- wie es der Name schon vermuten lässt- etwa 900 Bäume sowie mehr als 20000 andere Pflanzen senkrecht auf ihrer Fassade, den Terrassen und Balkonen tragen. Eine Begrünung, die nicht nur zur städtischen Biodiversität beiträgt, sondern auch gegen Lärm, Kälte und Hitze schützt.

Auch die österreichischen Sommer werden immer heißer- besonders betroffen sind davon die Großstädte, die sich durch Gebäudeschluchten und wenig Grünflächen zu regelrechten Hitzekesseln entwickeln. Laut Studien könnte die Maximaltemperatur in Wien bis 2050 um 7,6 Grad steigen. Es besteht Handlungsbedarf. Vertical Gardens, insbesondere großflächig ausgeführte Fassadenbegrünungen, haben nachweislich einen kühlenden Effekt, der den rasanten Anstieg der innerstädtischen Durchschnittstemperaturen eindämmen könnte. Neben dem offenkundigen Faktor, das Grünflächen- egal ob horizontal oder vertikal- das Stadtbild verschönern, sind Pflanzen auch natürliche Luftfilter, die den Anteil von Stoffen wie CO2, NO2 oder Feinstaub in der Stadtluft verringern.

Ebenfalls nicht unbeachtlich sind die positiven Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit der urbanen Bevölkerung. Neben der gesteigerten Luftfeuchtigkeit, die der körperlichen Gesundheit zugutekommt, ist es eine anerkannte Tatsache, dass Pflanzen das Stresslevel wie auch die Herzfrequenz senken. In diesem Zusammenhang werden auch begrünte Innenwände, die das Raumklima maßgeblich positiv beeinflussen, immer attraktiver und in den letzten Jahren verstärkt von zahlreichen Dienstleistern angeboten.

Abgesehen von der städteplanerischen Perspektive, sollte man dem aufstrebenden Konzept auch im kleineren Rahmen große Bedeutung zumessen. Stichwort Platzoptimierung. Gerade in dicht besiedelten Gebieten und vor allem Großstädten sind große Gärten und weitläufige Terrassen eine Rarität. Es ist essentiell, den begrenzten Raum optimal zu nutzen. Wer sich trotz Minibalkon eine grüne Oase, eigens gezüchtetes Gemüse oder frische Blumen wünscht, musste sich vor einigen Jahren noch erfinderisch zeigen. Selbst wer nicht den Aufwand, der mit der kompletten Begrünung eines Fassaden- oder Wandstückes einhergeht, betreiben will, kann mittlerweile auf eine nicht geringe Auswahl an Angeboten und Möglichkeiten zurückgreifen. Mehrstöckige Hochbeete, bepflanzbare Säulen und Hängebeete sind ebenfalls Varianten des Vertical Gardening, welche auch mit wenig Zeit oder größerer Bequemlichkeit den Traum vom Gärtnern auf beschränktem Raum erfüllen können. Wer mehr Kreativität und Freude am Basteln an den Tag legt, kann sich mit an der Wand befestigten Paletten, halbierten Rohren oder Bilderrahmen den Beetunterbau selber herstellen.

Um noch einen Schritt weiterzugehen, steht gerade in der jüngsten Zeit das Vertical Farming hoch im Kurs, da sich dessen Anhänger davon künftig die Ernährung der städtischen Bevölkerung durch innerstädtische Ressourcen erhoffen. Auf mehreren übereinander gelagerten Beeten wächst ganzjährig Obst und Gemüse. Was sich auf den ersten Blick sehr fortschrittlich anhört und sich auch an stetig wachsender Beliebtheit erfreuen darf, lässt Kritiker aufhorchen. Besonders die hohen Energiekosten, aber auch der benötigte hohe Grad an Automatisierung, der viel weniger Arbeitsplätze als eine herkömmliche Landwirtschaft schafft, werden neben der enormen Anschaffungskosten der Produktionsanlagen und der damit einhergehenden Abhängigkeit von finanzkräftigen Firmen und Konzernen, als Kritikpunkte genannt. Nichtsdestotrotz wird ein erheblicher Wachstum der vertikalen Landwirtschaft prognostiziert. Auch das Pharmaunternehmen Bayer investierte vor Kurzen in ein einschlägiges Startup, das sich auf die Herstellung von eigens für Vertical Farming erzeugtes Saatgut spezialisiert.

Abschließend ist zu sagen, dass sich sowohl Vertical Gardening als auch Vertical Farming zu Bewegungen entwickelt haben, denen man in der Zukunft kaum entkommen wird und das, deren Vorteile und Potential betrachtend, vielleicht auch gar nicht will.

Quellen:

derstandard.at/story/2000106190600/hitze-in-staedten-wird-dramatisch-steigen
energie-bau.at/bauen-sanieren/2849-vertikale-gaerten-gruene-verbesserung-fuer-staedte
garten-und-freizeit.at/magazin/vertical-garden
growland.net/vertikaler-Garten
garten-europa.com/magazin/vertikale-gaerten-oasen-in-der-stadt/
guardi.at/blog/allgemein/vertical-gardening-idee/

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